Wilhelm Friedemann Bach: Duett Nr.6 d-moll

Wilhelm Friedemann, ältester Sohn Johann Sebastian Bachs, ist der vielleicht am wenigsten gespielte unter den vier bis heute bekannten Söhnen des großen Meisters. Wie seine Brüder verkörpert er die kurze Periode des „Sturm und Drang“ in der Musikgeschichte. Gegen die bis zur Vollendung getriebene musikalische Formstrenge des Vaters setzt diese Musikergeneration auf neue Töne, die Form und Maß zu sprengen scheinen und mit abrupten Wechseln der Stimmung und des Gestus eine neue Ästhetik konstituieren: Musik als „Gemütererregungskunst“. Friedemanns Duette für zwei Flöten, sechs an der Zahl, folgen diesem Ideal, sind aber dennoch formstreng komponiert, die Forderung nach Gleichberechtigung der Stimmen bis ins letzte Detail erfüllend. Das Material beider Partien stimmt weitgehend überein, aber aus dem polyphonen Gegeneinander resultiert jene verschwenderische Fülle musikalischer Eindrücke, die für seinen Stil charakteristisch ist. Dabei lassen die Einzelstimmen dieses Duetts kaum ahnen, was das Stück an musikalischem Gehalt birgt. Erst die Wechselwirkung beider Instrumente offenbart den musikalischen Ablauf, der gewissermaßen „zwischen den Zeilen“ steht. Das Zusammenspiel zweier klanglich unterschiedlicher Instrumente lässt dies besonders transparent erscheinen. Den Tonumfang von Oboe und Klarinette berücksichtigend, wurde der Notentext von f-moll nach d-moll transponiert.